Brett vorm Kopf?

Ein Theaterstück als Spiegel unserer Gesellschaft, in der Wegsehen Alltag ist.

 „Ein Brett vor dem Kopf“ hatten früher die Nutztiere. Einem störrischen Ochsen hängten die Landwirte damals ein Brett vor die Augen, um mit dem schreckhaften Tier besser arbeiten zu können. Um Bretter vor den Köpfen ging es auch am 7. Februar 2020 in der Aula des Egbert-Gymnasiums, wo das Ensemble des Oberstufentheaters unter der Leitung von Judith Schmitt das Stück „Kainling“ von F. H. Jakubaß präsentierte.

Hier ging es allerdings nicht um Ochsen, sondern die Einwohner der Insel Brettonien, welche „ein Brett vor dem Kopf“ tragen. Genauer gesagt handelt es sich hierbei um das „Abelszeichen“, welches einst von Bretto I. eingeführt wurde. Der Usurpator hatte ein Regime von Gewalt und Willkür errichtet und verhinderte durch die Einführung des Abelszeichens die Flucht der Einwohner, welche aufgrund der körperlichen Einschränkungen nur auf dem Rücken schlafen konnten, deshalb kräftig schnarchten und sich auf der Flucht nur schwer versteckt halten konnten. Nun herrscht bereits Bretto III., doch das Abelszeichen wird noch immer von allen Brettoniern mehr oder weniger überzeugt getragen. Es stellt das Zeichen des Abelismus dar. Nur die Guten, die Nachfahren Abels, tragen es. Menschen, die das Zeichen nicht tragen, werden als böse und so genannte Kainlinge bezeichnet. Das ist auch der Grund, warum die schiffbrüchige Fremde als Kainling und Spion abgestempelt wird – sie trägt schließlich kein Abelszeichen. Dass sie dabei das Abelszeichen unentwegt als schwachsinniges Brett bezeichnet, bringt ihr nicht unbedingt Vorteile. So kommt es zu einer Gerichtsverhandlung, bei welcher die Fremde aufgrund von Verspottung des Abelismus zum Tode verurteilt werden soll. Glücklicherweise bestätigt jedoch der Prediger, dass noch Hoffnung bestünde und die Fremde durchaus zum Abelismus bekehrt werden könne. Sie wird also begnadigt und mit einem Boot vor Brettonien ausgesetzt.

Anschließend gelangt die Fremde ans Ufer eines freien Landes, welches vorrangig mit Brettonien Handel betreibt. Dabei geht es vor allem um große Mengen Holz. Der Fremden ist klar, wofür die Brettonier dieses viele Holz verwenden. Sie probiert deshalb, den weiteren Export zu verhindern, indem sie den Verantwortlichen des Bretterexports klarzumachen versucht, welche Zustände auf Brettonien herrschen. Das ganze Land wird in Aufruhr versetzt. In Fernsehtalkshows mit der geladenen Fremden geht es nur um ein einziges Thema: „Tragen die Brettonier ein Brett vor dem Kopf oder tragen sie kein Brett vor dem Kopf?“ Doch die Verantwortlichen im Bezug auf den Holzexport zeigen sich stur. Zwar wissen sie genau, was die Brettonier mit dem vielen Holz anfangen, leugnen es aber, da keiner die guten Handelsbeziehungen zu dem Inselstaat trüben möchte. Die Fremde jedoch beharrt weiterhin darauf, alle Brettonier trügen ein Brett vor dem Kopf. Und als sie das schließlich auch den Sachverständigen des Festlandes unterstellt, ist sie in deren Augen einzig und allein reif für die Irrenanstalt… Schließlich kann nicht sein, was nicht sein darf!

Durchzogen von Witz, Übertreibung und begleitet von inhaltsstarker Musik, gelang es den Schauspielern des Egbert-Gymnasiums, dem Publikum den Kern dieser ernsten Thematik zu vermitteln. Die Theatergruppe zeigte kurz vor dem Stück aufgenommenes Videomaterial, in welchem einige Besucher ihre persönliche Ansicht bezüglich „ein Brett vor dem Kopf haben“ mitteilten. Es zeigte sich, dass scheinbar jedem von uns ab und an die Sicht durch ein Brett verdeckt wird. Abschließend verwies eine musikalisch untermalte Diashow auf Missstände in unserer Gesellschaft hin, deren Bestehen mitunter auch durch „Bretter vor unseren Köpfen“ zu verantworten sind. Beispielsweise wurden hierbei die Begriffe Lohngerechtigkeit und Chancengleichheit genannt. Schließlich schließt das gesellschaftskritische Stück mit einem Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach: „Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf – es kommt nur auf die Entfernung an.“

Aktuelles aller Kategorien